Robert Redford – Ganove und Patriot
02.04. – 06.05.2026
Robert Redford (1936–2025) war einer der grössten Helden Hollywoods. Seine Rollen als liebenswerter Schurke, als Überlebender in der Wildnis, als Pferdeflüsterer und als Liebhaber sind legendär. Spuren hinterlassen hat er aber auch als Regisseur, als Gründer des Sundance Film Institute und als politischer Aufklärer. Sieben Monate nach seinem Tod zeigen wir eine Retrospektive mit seinen Meisterwerken. Und einer Entdeckung.
Matthias Lerf
Klar, es ist wunderbar, Robert Redford als gewitzten Ganoven zu sehen, der zusammen mit Paul Newman in The Sting (1973) einen richtig bösen Gangster ausnimmt. Es ist spannend, mit Redford in Three Days of the Condor (1975) ums Leben zu rennen, weil ihn dunkle Staatsmächte jagen. Und es ist erhellend, zu sehen, wie Redford als aufrechter Journalist in All the President’s Men (1976) gemeinsam mit Dustin Hoffman den Watergate-Skandal aufdeckt. Aber die grösste Überraschung in der REX-Retrospektive präsentiert Robert Redford als… Skirennfahrer am Lauberhorn.
Downhill Racer heisst diese Produktion aus dem Jahr 1969, gedreht wurde sie am Rande von richtigen Skirennen in Stationen wie Megève, Kitzbühel, St. Anton und eben Wengen im Berner Oberland. So kommt es, dass wir Robert Redford als wilden US-Crack über den Hundschopf fliegen und durch das damals noch engere Brüggli-S kurven sehen (mit Hilfe des bekannten Stunt-Skifahrers Stefan Zürcher). Aber auch, wie der egoistische Sunnyboy sich nur schwer ins Team integrieren lässt, trotz den Ermahnungen des von Gene Hackman gespielten Trainers.
Der Film war eine Herzensangelegenheit für Robert Redford, der sowieso für alles zu haben war, was mit Schnee und Natur zu tun hatte. Ursprünglich arbeitete Skifan Roman Polanski am Projekt, der sich aber bald wieder zurückzog, um Rosemary’s Baby zu drehen. Redford, der Polanski als Hauptdarsteller schon abgesagt hatte, riss sich das Drehbuch selbst unter den Nagel und fand mit Michael Ritchie einen Regisseur, der sich nicht davor scheute, den Skifilm als Billigproduktion an Originalschauplätzen in Europa zu drehen – drei Jahre später werden die beiden in der Politsatire The Candidate (1972) erneut zusammenarbeiten und den Regie-Oscar gewinnen.
Regisseur Ritchie war ein Fan vom Realismus des aufstrebenden britischen Filmemachers Ken Loach, dessen Kamera- und Tonmann er prompt für Downhill Racer engagierte. Daraus resultierten für die damalige Zeit sensationelle Skiaufnahmen voller roher Kraft. Noch erstaunlicher ist aber, was Redford aus der Hauptrolle machte: Klar ist er auf der einen Seite der strahlende Schönling. Aber gleichzeitig lässt er durchblicken, dass dieser von ihm verkörperte Skirennfahrer noch mehr von seiner Grösse angetan ist als alle andern. Und keine Ahnung hat, was um ihn herum geschieht und weshalb ihn die Frau, die ihn eine Weile lang begleitet, bald wieder verlässt.
Downhill Racer ist auch in diesem Sinn ein höchst ungewöhnlicher Sportfilm. Das wurde bei dessen Erscheinen nicht übersehen. Der einflussreiche Kritiker Roger Ebert schrieb: «Der beste Film, der je über Sport gedreht wurde – ohne dass es dabei wirklich um Sport geht.» Es gab bei der Lancierung nur ein Problem. Kaum war der Film im Kino, lief ein anderer mit demselben Hauptdarsteller an: Butch Cassidy and the Sundance Kid (1969). Dieser Western um zwei sympathische Diebe entpuppte sich als gigantischer Kassenerfolg, machte Robert Redford endgültig zum Star – und stellte seinen anderen Film völlig in den Hintergrund.
Da ist es einmal mehr, das Klischee vom Schauspieler, der so erfolgreich ist, dass er sich nur selbst im Weg stehen kann. Und ein Hollywood-Superstar war Robert Redford spätestens seit diesen beiden Filmen. Gut aussehend sowieso, ein Liebling aller, aber auch einer, der eine glückliche Hand bei der Auswahl seiner Filme hatte. Wie heisst es doch in The Way We Were (1973), einem weiteren Redford-Kassenschlager: «In gewisser Weise war er wie das Land, in dem er lebte: Alles fiel ihm zu leicht, aber wenigstens war er sich dessen bewusst.»
Dieser Satz beschreibt zwar nur indirekt den Schauspieler Robert Redford, streng genommen ist es der erste Satz einer Erzählung, die seine Figur – ein Schriftsteller – schreibt und den seine von Barbra Streisand gespielte Geliebte nicht vergisst. Und auch der Titel, der über dieser Erzählung steht, ist vielsagend: «The All-American Smile». Regisseur Sydney Pollack und sein Hauptdarsteller spielten in diesem Liebesfilm auch mit Redfords durch und durch amerikanischem Lächeln: dem Bild des blonden Superstars mit den blauen Augen, dem alles ein wenig leichter fällt.
Aber natürlich war es nicht so. Bis die Kamera ihn und seine Ausstrahlung entdeckte, musste Robert Redford kämpfen. Er wuchs in Texas auf, war – wie in einer seiner zahlreichen Biografien steht – ein schlechter Schüler, der sich nur für Sport und «ein wenig Kunst» interessierte. Er wollte Maler werden, trank, nach einer anderen Biografie, in dieser Zeit heftig und wurde von der Universität in Boulder, Colorado, verwiesen. Eine ausgedehnte Europareise festigte seinen Entschluss, Künstler zu werden.
Eher zufällig kam er bei der Rückkehr in die USA mit der Schauspielerei in Berührung. Er liess sich in New York nieder, erhielt Theaterengagements und bald auch Fernsehrollen. Die Mitarbeit in einem B-Movie sollte sich als prägend entpuppen: Im Kriegsfilm War Hunt (1962) spielte er an der Seite eines gewissen Sydney Pollack, gemeinsam ärgerten sich die beiden über den ambitionslosen Stil dieser Arbeit. Als vier Jahre später Redford als Co-Star an der Seite der damals übergrossen Natalie Wood für This Property Is Condemned (1966) engagiert wurde, erinnerte er sich an seinen inzwischen als Regisseur arbeitenden Kollegen und brachte ihn an Bord – es war der Beginn einer wegweisenden Zusammenarbeit.
Sieben Filme drehten Sydney Pollack und sein Hauptdarsteller zusammen, prototypisch ist dabei Jeremiah Johnson (1972), ihr zweiter Film. Redford spielt einen Kriegsveteranen, der genug hat von den Menschen und sich in die Berge zurückzieht, um dort als Trapper zu leben. Aber seine Rechnung geht nicht auf, denn auch in der vermeintlichen Einsamkeit gibt es Rassenkonflikte, Missgunst und Gemeinheiten.
Pollack und Redford zelebrieren hier bereits majestätisch, was zum Markenzeichen des Schauspielers werden sollte. Er ist zwar blauäugig und gut aussehend. Aber seine Liebe zu den USA, zu der scheinbar unberührten Natur ist nicht blind. Er weiss um das Vermächtnis dieses Landes, die Gefahren des Hurrapatriotismus. Und handelt, ohne grosse Worte auszuposaunen, entsprechend.
Das tat er auch im richtigen Leben: Mit den Einnahmen aus seinen ersten Filmhits kaufte sich Robert Redford ein Skiressort im US-Bundesstaat Utah. Er taufte es um in Sundance, nach seiner bekanntesten Figur. Daraus entwickelt sich über die Jahre ein Filmfestival, ein Institut, eine Stiftung – einer der grössten Hollywoodstars wurde so zum Förderer des unabhängigen Films jenseits von Einschaltquoten und Box-Office-Zahlen.
Als Schauspieler aber reihte er in den 1970er-Jahren Hit an Hit. Das Team von Butch Cassidy and the Sundance Kid drehte The Sting (1973), die Gaunerkomödie, die Redford seine erste Oscar-Nominierung einbrachte. Auch die konventionelle Literaturverfilmung The Great Gatsby (1974) wurde dank dem in dieser Version ständig auffallend schwitzenden Hauptdarsteller zum Grosserfolg. Die Watergate-Abrechnung All the President’s Men (1976) lockte die Massen ebenfalls ins Kino – und weckt beim Wiedersehen nostalgisch-wütende Gefühle, weil sie darin erinnert, welche Rolle eine Zeitung wie die «Washington Post» im damaligen Nixon-Amerika spielte und welche sie jetzt im Trump-Land einnimmt.
Mit Sydney Pollack repetierte Redford nicht einfach die Muster der ersten Erfolge, sondern drehte den beklemmenden Thriller Three Days of the Condor (1975), den komödiantischen Rodeofilm The Electric Horseman (1979) und im nächsten Jahrzehnt dann mit dem romantischen Out of Africa (1985) einen weiteren Grosserfolg. Gut möglich auch, dass Robert Redford von seinem Partner ermutigt wurde, selbst hinter die Kamera zu treten. Gleich mit seiner ersten Arbeit Ordinary People (1980) gewann er den Regie-Oscar und den Oscar als bester Film. Und realisierte mit The Horse Whisperer (1998) einen Box-Office-Hit.
Klar wusste auch Robert Redford um die Vergänglichkeit eines Filmstars, vermutlich auch um die Vergänglichkeit des Superstar-Systems im Zeitalter von Superheldenfilmen und YouTube. Aber er spielte seine Rolle bis zum Ende mit Bestimmtheit und Würde. Behielt seinen Namen als politisch engagierter Mensch. Hatte weiter bemerkenswerte Auftritte wie die Parforce-Leistung als Segler auf hoher See in All Is Lost (2013). Und verabschiedete sich schliesslich in The Old Man and the Gun (2018) mit einer Rolle von der Leinwand, die ihn noch einmal als das zeigte, was er zeit seines Lebens war: ein liebenswerter Ganove, der bestimmt und unabhängig seinen Weg geht. Zum Wohl der andern und seiner selbst.
Damit schliesst sich auch der Kreis zu Downhill Racer, dem wiederentdeckten Skifilm. Übrigens: Achten Sie darin auf den Auftritt des Kellners in einer Restaurantszene. Der wird von einem damals noch völlig unbekannten späteren Superstar gespielt: Es ist Sylvester Stallone, aber das ist eine ganz andere Geschichte.