Ein Sommer mit Juliette Binoche
02.07. – 26.08.2026
Juliette Binoche ist eine der grossen Diven des französischen Kinos, aber das Kapriziöse liegt ihr fern. Sie ist ein Star, ohne Allüren. Wo andere Image und Persona pflegen, scheut sie vor keinem Risiko und keiner Entblössung zurück. In 18 Filmen zeichnen wir diesen Sommer die Karriere von «La Binoche» nach.
Alexandra Seitz
Ihrer Schneewittchen-Schönheit zum Trotz war Juliette Binoche nie eine Darstellerin von naiven Prinzessinnen, die sich damit zufriedengeben, das Glück an der Seite eines Mannes zu finden. Eher im Gegenteil bleibt gerade dort das Glück oft flüchtig. Doch an die Liebe, vorzugsweise an deren das Selbst auslöschende, existenzvernichtende Varianz, verlieren sich ihre Figuren häufig und entschlossen. Das wird mit den Jahren nicht seltener, geschweige denn leichter, da das Gefühl, das die Menschen zueinanderzieht und aneinanderbindet, mit den Jahren an Komplexität gewinnt. Erfahrungen und Erkenntnisse akkumulieren, die Perspektive verändert und der Horizont erweitert sich. Dem Älterwerden trägt Binoche mit der Vertiefung ihrer Charakterporträts Rechnung. Das ist keine kleine Kunst, immer schon hat sie fern der Oberflächen und des Offensichtlichen nach der Wahrheit geschürft und damit auch immer wieder für Irritationen gesorgt. Nur aus der Ferne und auf den ersten Blick wirkt sie wie die verkörperte Wunscherfüllung eines romantischen Ideals. Aber sie denkt gar nicht daran, Klischeebildern zu entsprechen. Den Erwartungen, die sich vor allem zu Beginn ihrer Karriere quasi automatisch an das quasi perfekte Aussehen der Schauspielerin anlagern, setzt sie ebenso von Beginn an die Alltagstauglichkeit und Pragmatik ihrer Figuren entgegen. Binoche spielt gegenwärtige, im Leben stehende Frauen, oft berufstätig, selbstbewusst, nachvollziehbar, denen ihre Aura – ätherisch, filigran, zart – einen besonderen, traumgespinstigen Reiz verleiht.
Juliette Stalens Binoche wird am 9. März 1964 in Paris geboren. Als sie vier Jahre alt ist, lassen sich die Eltern, die beide in künstlerischen Berufen tätig sind, scheiden. Fortan wächst sie gemeinsam mit ihrer Schwester abwechselnd bei der Grossmutter und im Internat auf und sieht Mutter und Vater nur selten. Bereits als Teenager beginnt Juliette, Theater zu spielen, später nimmt sie Schauspielunterricht. Sie will zum Film, das ist ihr fester Entschluss, und tatsächlich geht es nach ersten kleinen Nebenrollen – unter anderem in Jean-Luc Godards Je vous salue, Marie und Jacques Doillons La Vie de famille (beide 1985) – Schlag auf Schlag. Noch im selben Jahr wird sie für ihre Rolle in André Téchinés Erotik-Melodram Rendez-vous das erste von bislang zehn Mal für den César nominiert; erhalten hat sie den renommierten französischen Filmpreis 1994 für ihre Leistung in Trois couleurs: Bleu von Krzysztof Kieślowski. Die Rolle der verwitweten Komponistengattin, die sich auf ihre ganz eigene Weise zurück ins Leben kämpft, beschert Binoche bei der Mostra in Venedig ausserdem den Preis als Beste Schauspielerin. Eine Auszeichnung, die sie sowohl bei den Filmfestspielen in Berlin (für The English Patient, 1996, von Anthony Minghella, der ihr zudem den Oscar als Beste Nebendarstellerin einbringt) als auch beim Festival in Cannes (für Copie Conforme, 2010, von Abbas Kiarostami) erhält. Sie ist die erste Schauspielerin, der dieses hochkarätige Festival-Tripel gelingt. Im Laufe ihrer langen und anhaltend erfolgreichen Karriere bleibt «La Binoche», wie sie in Frankreich ehrerbietig genannt wird, dem Hollywood’schen Mainstream-Kino gegenüber eher auf Distanz. Ihre künstlerische Heimat ist das europäisch geprägte Arthouse-Kino; seit Mai 2024 steht sie als Präsidentin der Europäischen Filmakademie vor.
Ihren internationalen Durchbruch markiert 1988 Philip Kaufmans The Unbearable Lightness of Being, die in Europa sehr erfolgreiche Verfilmung des gleichnamigen, 1984 veröffentlichten Weltbestsellers von Milan Kundera. Drei Jahre später, in Les amants du Pont-Neuf von Leos Carax, legt Binoche nach – wer etwas auf sich hält, sieht damals diesen wilden Film, schaut in die erblindenden Augen Michèles und verfällt ihr ebenso wie der schlaflose Clochard, der sie fortan besitzen will. Binoche und Denis Lavant, das ist ein Liebespaar aus der Hölle, man nennt es beschönigend Amour fou. Sie nimmt die Chocolatiere in Lasse Hallströms ein wenig glatter Romanze Chocolat (2000) nicht auf die leichte Schulter – und wird mit einer Oscar-Nominierung belohnt. Sie füllt die konzeptuelle Figur in Michael Hanekes nüchtern analysierendem Psychodrama Caché (2005) mit Fleisch und Blut. Sie fungiert in der Rolle der alleinerziehenden Mutter-am-Anschlag in Hou Hsiao-hsiens geradezu meditativem Le Voyage du ballon rouge (2007) als kontrastierender Wirbelwind. Sie sorgt an der Seite ihres ehemaligen Lebensgefährten Benoît Magimel in Trần Anh Hùngs opulentem Kostüm- und Koch-Schinken La Passion de Dodin Bouffant (2023) für Nüchternheit.
Das Besondere an Binoches Darstellungskunst ist, dass sie das Normale nicht schlicht wirken lässt. Sie füllt ihre Charaktere mit der Tiefe des Gedankens und dem Reichtum des Gefühls. Sie vermittelt uns auf diese Weise nicht nur eine Ahnung vom komplizierten Innenleben der Frauen und von den widersprüchlichen Herausforderungen, denen sie sich alltäglich gegenübersehen. Sie vermag vor allem in der vermeintlich typisch weiblichen Eigenschaft der Undurchschaubarkeit die Ordnungskraft weiblicher Logik darzustellen. Soll heissen: Wenn man Binoches Frauen zusieht, hat das, was sie tun, Sinn, auch wenn der sich – vor allem den Männern – nicht immer gleich erschliesst. Im Allgemeinen kommen die Frauen der Binoche ganz gut ohne Männer klar, ja, sie sind sogar ohne Männer vorstellbar. Und überhaupt, die Konvention des Romantischen, insbesondere des Happy End… Wenn am Ende eines ihrer Filme Frau und Mann tatsächlich zusammenfinden, dann ist sich dieser gute Ausgang stets seiner Vorläufigkeit und Fragilität bewusst. Ein Waffenstillstand, bestenfalls, im immerwährenden Kampf der Geschlechter.
Für Binoche ist der gesellschaftliche Schauplatz Patriarchat keine Kulisse, die irgendwo schemenhaft im Hintergrund der Erzählung herumsteht, sondern vor allem konkrete Existenzbedingung ihrer jeweiligen Figur, gleich ob die nun Putzfrau, Künstlerin oder Königin ist. Weil das so ist, weil ihr Interesse am Status quo der Emanzipation authentisch ist, wirkt Binoche auch in Rollen glaubwürdig, in denen anderen Schauspielerinnen ihres Kalibers der eigene Glamour in die Quere käme. Beispielsweise in Ouistreham (2021) von Emmanuel Carrère, in dem sie als Erfolgsautorin für ein Buchprojekt undercover das Leben von Frauen im Prekariat teilt und zugleich als Starschauspielerin gemeinsam mit echten Putzfrauen vor der Kamera steht. Oder in Elles (2011) von Małgorzata Szumowska, in dem sie in der Rolle der Journalistin Anne über Studentinnen recherchiert, die sich prostituieren; und schliesslich die Zurichtungen ihres eigenen Daseins als Hausfrau, Mutter, Gattin und Berufstätige zu hinterfragen beginnt. Dass sie (die Schauspielerin Binoche ebenso wie die Figur, die sie darstellt) eine Rolle annimmt, ist Teil der Narration – was dem jeweiligen Film wiederum eine Metaebene der Reflexion gibt: Auf dieser werden Machtgefälle nicht nur «mitgemeint», sondern geknüpft an Geschlechterrollen direkt adressiert.
Ihre Darbietung in Olivier Assayas’ Clouds of Sils Maria (2014) ist ein weiterer Coup der Mehrdeutigkeit. Binoche gibt die Schauspiel-Diva Maria Enders, die sich anlässlich eines zudem autobiografisch bedeutsamen Theaterprojektes ihres Alterns bewusst wird und in einen Triangel unterschiedlicher Begehrlichkeiten gestellt sieht. Zwischen ihr, ihrer Krisen-spiegelnden Assistentin (Kristen Stewart) und einem als Katalysator fungierenden Hollywood-Starlet (Chloë Grace Moretz) entwickelt sich ein schwindelerregender Reigen von Über-Kreuz-Beziehungen, gegenseitiger Kommentierungen von Wahrheit und Fiktion sowie Verweisen quer durch die Zeiten. Zwischen Eitelkeit, Selbstzweifel, Melancholie, Celebrity-Kult und Unschuldsverlust suchen Assayas und Binoche, assistiert von Stewart und Moretz, nach der Wahrheit eines Künstlerlebens und nach der Gültigkeit der Kunst. Eine Frage, die sich auch Bruno Dumont in Camille Claudel 1915 (2013) stellt. Hier agiert Binoche inmitten kognitiv beeinträchtigter Laiendarsteller:innen, die die Rollen der Irren von Montdevergues übernehmen, jener Anstalt, in die die titelgebende Bildhauerin 1914 von ihrer Familie zwangseingewiesen worden war und sodann bis zu ihrem Tod 1943 ihrem Schicksal überlassen blieb. Der Kontrast der Seelenzustände, die vor der Kamera aufeinandertreffen, ist freilich eklatant, und Juliette-Camille muss viel weinen – sie tut das mit einer Rückhaltlosigkeit, die als direkte Antwort auf die Ehrlichkeit ihrer Mitspieler:innen gesehen werden muss. So trifft einen das Schicksal ihrer Figur wie ein glühendes Schwert mitten ins Herz. Ihre Ratlosigkeit und Verzweiflung lädt die Atmosphäre mit zunehmender Spannung auf; und neuerlich mit Wucht in Uberto Pasolinis The Return (2024). Darin der geschundene alte Odysseus endlich doch noch den Weg zurück nach Ithaka zu seiner von Freiern bedrängten Gattin Penelope findet. Ralph Fiennes und Juliette Binoche wählen die Strategie der Verinnerlichung des Konflikts und bieten Schauspielerei, präzise wie ein Uhrwerk und gänzlich uneitel. Sie ist die treibende Kraft dieses klar strukturierten, sehr nüchternen und tief wahren Films, der zeigt, dass die höchste Kunst die Kunst der Verdichtung ist – und La Binoche darin eine Meisterin.
