Red & Black – Hollywoods Linke und die schwarze Liste
01.10. – 04.11.2026
Selten war Hollywood so politisch – und so gefährlich für jene, die dort arbeiteten. In der Ära der berüchtigten Hollywood Blacklist (1947–1960) waren Kreative einem beispiellosen Missbrauch staatlicher und brancheninterner Macht ausgesetzt. Das diesjährige Locarno Film Festival blickte in einer umfassenden Retrospektive auf diese Zeit zurück; wir zeigen eine Auswahl von neun Filmen.
Hannes Brühwiler
Die rechtskonservative US-Regierung will kritische Stimmen unterdrücken und macht Jagd auf Linke, die sie zu einem grossen Teil in der Unterhaltungsindustrie wittert. Hollywood setzt suspekte Individuen auf eine schwarze Liste, was faktisch einem Berufsverbot gleichkommt. So geschehen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Reihe «Red & Black – Hollywoods Linke und die schwarze Liste», unter der Kuration von Ehsan Khoshbakht und in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse sowie mit Unterstützung des UCLA Film & Television Archive entstanden, ist den damals Geächteten und ihrem Filmschaffen gewidmet und zeigt, welche Ideen und Themen zu jener Zeit für «unamerikanisch» erklärt wurden.
Von sämtlichen amerikanischen Künstler:innen und Intellektuellen erwartete man in den 1930er-Jahren eine Antwort auf eine Frage: Wie denken Sie über den Kommunismus? Die Kommunistische Partei genoss damals in den USA erheblichen Zuspruch, und viele Kunstschaffende sympathisierten mit ihrem Programm. Ein Jahrzehnt später hatte sich eine Antwort auf die Gretchenfrage de facto erübrigt, und Sympathien für sozialistische Ideen wurden sofort als unamerikanisch gebrandmarkt; der Kalte Krieg hatte begonnen. Reaktionäre Kräfte, die sich seit Längerem an der vermeintlichen Dekadenz und den linken Tendenzen in Hollywood störten, nutzten die Gelegenheit, die Filmindustrie als von Kommunist:innen unterwandert darzustellen.
Im Oktober 1947 begannen die berüchtigten Anhörungen des House Un-American Activities Committee (HUAC) in Washington. Insgesamt elf «unfriendly witnesses» mussten aussagen: Alvah Bessie, Herbert J. Biberman, Lester Cole, Edward Dmytryk, Ring Lardner Jr., John Howard Lawson, Albert Maltz, Samuel Ornitz, Adrian Scott, Dalton Trumbo und Bertolt Brecht. Mit Ausnahme von Brecht, der als ausländischer Angeklagter nicht die gleichen Rechte genoss wie seine zehn amerikanischen Kollegen, weigerten sie sich, die alles entscheidende Frage «Are you or have you ever been a member of the Communist Party?» zu beantworten. Kurz darauf wurden die sogenannten Hollywood Ten zu Gefängnisstrafen verurteilt; Brecht seinerseits kehrte kurz nach seiner Anhörung zurück nach Europa. Die Studios beugten sich dem Druck der Kommunistenjäger:innen, und die Blacklist war geboren. Es blieb nicht bei diesen zehn Opfern. In einem gesellschaftlichen Klima, das durch einen geradezu paranoiden Antikommunismus vergiftet wurde, eskalierte 1951 die Situation. Während sich die Studios in der falschen Hoffnung wiegten, durch die Verurteilung der Hollywood Ten Frieden erkauft zu haben, plante das HUAC weitere Anhörungen. Doch nicht nur das. Konservative Publikationen begannen ihrerseits in einschlägigen Traktaten mit so klingenden Namen wie Counterattack und Red Channels Namen vermeintlich verdächtiger Personen zu veröffentlichen. Eine Nennung führte fast immer zu Berufsverbot, Widerspruch zu erheben, war zwecklos. Hunderte Filmschaffende verloren im Zuge dieser Hexenjagd ihre Lebensgrundlage und konnten zum Teil bis weit in die 1960er-Jahre keine Arbeit mehr in der Unterhaltungsindustrie finden. Nur wer sich dem öffentlichen und zutiefst erniedrigenden Ritual des «naming names», also des Denunzierens anderer Kommunist:innen, unterzog, konnte sich in den Augen der Ankläger:innen rehabilitieren.
Die Reihe «Red & Black – Hollywoods Linke und die schwarze Liste» ist den von der schwarzen Liste betroffenen Filmschaffenden gewidmet und zeigt eine Auswahl ihres Schaffens. Die Filme, darunter zahlreiche Raritäten, kreisen alle um Kernanliegen der linken Filmschaffenden: Faschismus und Rassismus (Crossfire, 1947; La joven, 1960), die Ausbeutung des Proletariats (Salt of the Earth, 1954), die Rolle der Frau in der Gesellschaft (Not Wanted, 1949), kapitalistische Gier (Mr. Lucky, 1943; A King in New York, 1957), die Not des kleinen Mannes (He Ran All the Way, 1951; ¡Bienvenido, Mister Marshall!, 1953). In ihrer Summe ergibt sich eine linke Vision der USA, selten utopisch, aber immer niederschmetternd analytisch. Ein Kino des «hellsichtigen Pessimismus» (Noël Burch), das heute erschreckenderweise nichts von seiner Dringlichkeit eingebüsst hat.
Zwei dieser Filme (Mr. Lucky, 1943; Crossfire, 1947) sind in den Jahren vor der Blacklist entstanden. Sie zeigen, welche Freiräume sich die Filmemachenden in den eng gesteckten Grenzen Hollywoods erarbeiten konnten, welche Widersprüche sich dabei ergaben und welche Kompromisse eingegangen werden mussten. Mit Martin Ritts The Front (1976) – Woody Allen spielt darin einen Restaurantkassierer, der als Strohmann für einen auf der Blacklist aufgeführten Autor auftritt – ist auch ein Film im Programm, der nach dem Ende der Blacklist als Verarbeitung von Erfahrungen ehemaliger Opfer entstand. Deutlich wird schliesslich, dass die Blacklist entgegen langjähriger Meinung durchaus einen beachtlichen kreativen Aderlass verursachte. Billy Wilders bösartigem Kommentar, dass von den zehn «unfreundlichen Zeugen» nur zwei Talent hätten, während die restlichen acht einfach nur unfreundlich seien, soll mit dieser Retrospektive entschieden widersprochen werden.
Die meisten Filmschaffenden, die vor dem HUAC erscheinen mussten, denunzierten keine befreundeten Kollegen und riskierten damit ein Berufsverbot. Einer der wenigen «freundlichen Zeugen» war der rebellische Hollywoodstar Sterling Hayden. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er kurzzeitig Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen. Als er ins Fadenkreuz der Kommunistenjäger:innen geriet, entschied er sich auszusagen – eine Tat, die er sein Leben lang zutiefst bereute. Einer der von Hayden genannten Künstler war Abraham Polonsky. Ob er Hayden verziehen habe, wurde er in einem Interview gefragt. Seine Antwort: Ja. Denn: «Hayden hat mehr getan, als bloss zu bereuen. Vielmehr hat er die radikalste Konsequenz gezogen, die überhaupt möglich ist. Er hat sich geändert.»