Céline Sciamma – Was wir werden
12.11. – 02.12.2026
Die französische Regisseurin Céline Sciamma erzählt vom Erwachsenwerden mit aussergewöhnlicher Präzision, Nähe und Sensibilität. Ihre Filme erkunden Identität, Begehren und Freundschaft und machen die kleinen Verschiebungen sichtbar, die junge Menschen verändern. Die Retrospektive zeigt ihr Gesamtwerk, darunter Tomboy und Girlhood in von ihr neu geschnittenen Fassungen sowie ihren neuesten Kurzfilm Tutti Frutti.
Doris Senn
Ihr Regie-Debüt machte die 1978 geborene Céline Sciamma mit einem Script, das sie zum Abschluss ihres Studiums als Drehbuchautorin präsentiert hatte: eine Story über drei Mädchen vor dem Hintergrund eines Wasserballett-Trüppchens. Man ermunterte Sciamma, die Geschichte selbst zu verfilmen, obwohl sie keinerlei Regie-Erfahrung hatte, ja bislang nicht einmal einen Kurzfilm realisiert hatte. So entstand Naissance des pieuvres (2007), der es auf Anhieb nach Cannes schaffte und mit grosser Intensität, fern jeglicher Stereotypen vom Aufwachsen dreier 15-Jähriger in einem Vorort von Paris erzählt: Cergy-Pontoise, wo Sciamma selbst gross wurde. Der Film erzählt von der schönen Floriane – frühreif und umschwärmt von den Jungs; der staksigen Marie, die in Floriane verknallt ist und eine Annäherung sucht. Und schliesslich der pummeligen Anne, die alles Mögliche und Unmögliche tut, um einen Schulkollegen zu bezirzen. Es geht ums «erste Mal», um Körper, Begehren, Liebe, Freundschaft. Es geht um Erotik, Sex – und ums «Anderssein»: Die offen lesbische Céline Sciamma weiss, wovon sie spricht. Und es geht um die ersten Schritte ins Erwachsenenalter, wo Liebe und Herzlosigkeit oft so nah beieinanderliegen, Hochgefühle sich in abgrundtiefe Verzweiflung wandeln können.
In langen, visuell und auditiv sorgfältig komponierten Einstellungen, die oft mit Schärfe/Unschärfe arbeiten und die Handlung auf mehr als einer Bildebene spielen lassen, erzählt Naissance des pieuvres Coming-of-Age-Geschichten aus weiblicher Perspektive, mit einem Blick auf Körperlichkeit, der immer wieder überraschend und nie voyeuristisch ist. Der Kamera (Crystel Fournier) gelingt es, Handlungen aus dem Bildkader heraus entstehen zu lassen, Szenerien in ihrer Eigenwilligkeit und auch Skurrilität auf die Leinwand zu bannen – etwa die Garderoben im Schwimmbad, diesem exponierten Kosmos der Körper und Seelen. Ja, so fühlen, lieben und leiden Mädchen in dem Alter: Floriane, zwischen Sein und Schein, Anne, das hässliche Entlein, und Marie, die Hauptfigur des Films, die ihre Gefühle für Floriane weder hinterfragt noch verhehlt und sie doch nicht offen benennen kann. Erwachsene kommen nicht vor – es ist ein Mikrokosmos des Heranwachsens, der in sich genug Widersprüche und Reibungsflächen beinhaltet.
Der Blick auf die Welt aus der Perspektive von Jugendlichen prägt auch die beiden Folgefilme Tomboy (2011) und Bande de filles (2014). Tomboy realisierte Sciamma in nur fünf Monaten mit 500’000 Euro und einer 15-köpfigen Crew – um den grossen Druck loszuwerden, der auf jedem Zweitling laste, wie sie sagt. Zoé Héran spielt darin ein androgynes Mädchen, das sich am neuen Wohnort als «Mikaël» ausgibt und mit ihrem schlaksigen Körper und ihrem kumpelhaften Gebaren in der Clique ohne weiteres als Junge durchgeht. Gleichzeitig zieht sich über die unbeschwerte Kinderwelt eine fein gesponnene Suspense und schürt unterschwellige Bangigkeit, dass die «Konstruktion» auffliegt und wie das Umfeld darauf reagieren wird...
Auch in Bande de filles schwingt immer etwas Beklemmung mit, straft das familiäre Umfeld der jungen Schwarzen Frauen, die im Zentrum des Films stehen, ihre Identitätssuche und ihre Freiheitsbestrebungen doch konsequent ab. Marieme (Karidja Touré) kümmert sich um ihre jüngeren Schwestern, während ihre Mutter die Familie mit Putzarbeit durchbringt und Mariemes Bruder den Macker gibt und sich als Dealer durchmauschelt. Als ihr die weiterführende Schule verwehrt bleibt, findet Marieme Anschluss an die Gang von Lady, Adiatou und Fily, die die Gegend unsicher machen. «Wir sind schön, wir sind stark, wir sind wichtig»: Sie zelebrieren ihre Selbstermächtigung als junge Frauen und wehren sich gegen Rollenmuster, die ihnen aufgezwungen werden – durch ihr Geschlecht, ihre Herkunft, ihre Familie.
Mit Portrait de la jeune fille en feu (2019) wendet sich Sciamma einem anderen Genre zu. Dem Dreh voraus ging die Trennung von der Schauspielerin Adèle Haenel, mit der Sciamma vier Jahre liiert war. Haenel spielte in Sciammas erstem Film mit, dann in einer kleinen Rolle im Anti-Homophobie-Video Pauline (2009), und sie spielte die Hauptrolle im opulenten Portrait de la jeune fille en feu. Dem Historienfilm verdankte Sciamma ihre zweite Einladung nach Cannes, wo man ihr dafür den Preis für das beste Drehbuch sowie die Queer Palm verlieh. Der Film erzählt nicht nur eine subtil inszenierte Annäherung zwischen Malerin und Modell Ende des 18. Jahrhunderts – er handelt auch von Kunst und Historie aus weiblicher Sicht. Inspiration bot die Malerin Élisabeth Vigée Le Brun (1755–1842), die am französischen Königshof über 600 Porträts malte, vorwiegend von Frauen. Portrait de la jeune fille en feu spinnt dabei einen imaginären Faden zur Filmemacherin und zu ihren «bewegten» Bildern, in denen Geschichten von jungen Frauen im Zentrum stehen, die ihren Platz in der Welt aushandeln, während sie gleichzeitig untereinander Verbundenheit und Solidarität zelebrieren.
Als Kamerafrau fungierte Claire Mathon, die dafür mehrfach ausgezeichnet wurde: nicht zuletzt für ihr kunstvoll umgesetztes Wechselspiel der Blicke – zwischen Hinschauen und Wegsehen, zwischen persönlicher Neugier und Profession, zwischen Modell und Abbild. Mit Portrait de la jeune fille skizzierte Céline Sciamma eine utopisch anmutende Gegenwelt zur männlich dominierten Gesellschaft. Die Malerin, die Gräfin, ihre Tochter Héloïse, die Magd Sophie: Alle begegnen sich auf Augenhöhe, um sich in die noch grössere Gemeinschaft von Frauen aus dem Dorf einzureihen, und veranschaulichen so «Sisterhood» in einem genuinen Sinn.
Nur zwei Jahre später folgte Petite Maman (2021), eine autofiktionale Hommage an Sciammas eigene Familiengeschichte in einem fliessenden Zeitkontinuum, in der Tochter und Mutter sich als Gleichaltrige begegnen und so den Tod der Grossmutter verarbeiten können. Der Film ist versponnener als Sciammas frühere Werke und reiht sich ein in ihre «Archäologie des Selbsts», wo die Welt der Kinder und ihr magisches Denken im Zentrum stehen. Ebenfalls eine Auseinandersetzung mit dem Tod – oder besser dem Leben – ist ihr Kurzfilm This Is How a Child Becomes a Poet (2023) über die befreundete Poetin Patrizia Cavalli, die 2022 in Rom verstarb.
Seither ist es ruhig geworden um Céline Sciamma, die sich in eine Art Klausur zurückzog – ohne konkretes Filmprojekt, ohne Drehbuchauftrag, dafür doziert sie an Filmschulen. Und sie nutzte die Zeit, um gewisse ihrer Werke neu zu denken. So entstand je ein Director’s Cut von Tomboy und Bande de filles. Ihr Ziel: Sequenzen eliminieren, hinter denen sie nicht mehr stehen konnte. Bei Tomboy ist das eine kurze Einstellung, in der die minderjährige Hauptfigur nackt zu sehen ist, und eine Szene der «Entlarvung». Geringe, nachvollziehbare Eingriffe, die nur grade zweieinhalb Minuten ausmachen.
Im Gegensatz dazu präsentiert sich der «New Cut» von Bande de filles um nicht weniger als 35 Minuten kürzer. Dabei geht es um Szenen der Gewalt – in der Familie, aber auch unter den Frauen. Was im ursprünglichen Film zwar oft hart und provokativ daherkam – aber durchaus Sinn machte als Teil einer Geschichte, die in der Banlieue angesiedelt ist und in der Gewalt häufig wieder Gewalt provoziert. Bei Erscheinen von Bande de filles meinte die Regisseurin noch: «Das Weibliche ist subversiv, eine Gegenkultur, eine Gegengewalt und kann sich auch bedrohlich zeigen.» Nun aber sieht die Regisseurin darin ein unangebrachtes Liebäugeln mit dem Genrekino, weshalb sie ganze Sequenzen entfernt hat, um den Film «leichter» und vor allem «zärtlicher» zu machen. Bei den Eingriffen geht es aber auch um strukturelle Eingriffe – etwa das Weglassen des Rugbymatchs der Girls zu Beginn, weil dieser, wie Sciamma meint, falsche Erwartungen bezüglich Rhythmus und «Adrenalin» wecke. Diese Einschätzung dürfte nicht von allen geteilt werden. Doch natürlich steht es im Ermessen der Autorin, ihr Werk zu behändigen und neu auszurichten. Im Wissen, dass die ursprüngliche Fassung stets neben der neuen Version weiterbestehen wird.
Retrospektive samt «New Cuts» präsentierte Sciamma im Juni im Centre Pompidou in Paris, das sie für eine Retrospektive geladen hatte – inklusive eines Beitrags für die Reihe «Où en êtes-vous?». Darin verorten sich Filmautor:innen im persönlichen Hier und Jetzt, was Sciamma mit dem mittellangen Tutti Frutti (2026) gemacht hat. Wie das Centre Pompidou, das sich zurzeit aufgrund Renovation «in Wandlung» befinde, sei auch sie in «Wandlung». Deshalb widme sie sich zurzeit einem wachsenden persönlichen Archiv der Bilder – aus dem sie für Tutti Frutti geschöpft habe. Danach befragt, wohin das Kino der Zukunft sich entwickeln werde, zeigt sich Céline Sciamma zuversichtlich, dass die Kunst des Films erst am Anfang stehe und noch viel entdecken könne – etwa einen eher spirituellen Umgang mit seinen Mitteln. Damit visiert sie ein eher surrealistisches als naturalistisches, ein eher poetisches als narratives Filmschaffen an, eher Jazz als Chanson, wie sie meint. Man darf gespannt sein.
